City Science Lab Hamburg – mit urbanen Daten zur digitalen Stadt

Die Hamburger Professorin Gesa Ziemer entwirft datenbasierte Zukunftsszenarien für die Stadtentwicklung. Welche Rolle urbane Daten dabei spielen
12. November 2021
HafenCity

Im City Science Lab an der HafenCity Universität Hamburg werden urbane Daten erforscht, um herauszufinden, wie die Digitalisierung Städte verändern kann. In Kooperation mit dem MIT Media Lab in Cambridge (USA) und weiteren Partner*innen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft entwickelt die Forschungseinrichtung digitale Stadtmodelle – sogenannte City Scopes – zur Analyse von Stadtentwicklungsprozessen. Das Ziel: Die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Akteur*innen der Stadtentwicklung datengestützt zu fördern und unsere Städte lebenswert zu gestalten. Wie das geht, erklärt Prof. Dr. Gesa Ziemer, Direktorin des City Science Labs und akademische Leitung von UNITAC, einem Technologie-Lab der Vereinten Nationen (UN Habitat).

Hamburg News: Die Auswirkungen der Digitalisierung sind allgegenwärtig – ob privat oder auf der Arbeit. Wie gehen Sie im City Science Lab damit um?

Prof. Dr. Gesa Ziemer: Im City Science Lab nimmt das Thema Digitalisierung die zentrale Rolle ein. Zum einen, weil wir hier im Lab erforschen, wie digitale Technologien unsere Gesellschaft beeinflussen. Zum anderen setzen wir selbst digitale Tools ein, um mit ihnen urbane Daten aufzubereiten und sie für die Stadtentwicklung zu nutzen.

Hamburg News: Stadtplanung prägt das Leben vieler Menschen, findet häufig aber außerhalb ihrer Wahrnehmung statt. Was ist Ihre Rolle dabei?

Ziemer: Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist das Multi-Stakeholder-Engagement. Hierfür bringen wir verschiedene Fachleute und Behörden an einen Tisch und simulieren datenbasierte Zukunftsszenarien für die Stadtentwicklung. Auf diese Weise können wir sehr konkrete Fragen beantworten: Zum Beispiel, wie eine Stadt aussehen würde, wenn man die Anzahl ihrer Bewohner*innen erhöht. Das ist für urbane Zentren eine sehr wichtige Frage, die mit verschiedensten Auswirkungen auf die Immobilienpreise, Grünflächengestaltung, Schulen oder den Verkehr verbunden ist. Mit unseren Simulationen können wir hier den Beteiligten bei ihrer Entscheidungsfindung helfen – und zu der gehören natürlich auch die Bürger*innen.

City Scope
© Benno Tobler
City Scope Hamburg-Rothenburgsort

Hamburg News: Das City Science Lab ist also nicht nur mit Behörden im Austausch, sondern auch mit den Stadtbewohner*innen. Wie läuft das ab?

Ziemer: Ja, die Kommunikation mit den Bürger*innen ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Sie kennen die Stadt sehr genau und können uns direkt auf Probleme oder Lösungsansätze hinweisen. Beispielsweise, wenn eine Ampelschaltung den Verkehr ungünstig lenkt oder wo welche Verkehrsträger gefragt sind. Über Bürgerbeteiligungen involvieren wir sie bei solchen Fragen. Dabei greifen wir auf unsere Datenanalysen und Visualisierungen zurück. In der Vergangenheit haben wir so unter anderem Beteiligungen im Finding-Places-Projekt für Unterkünfte für Geflüchtete, den Wohnungsbau im Osten Hamburgs und das Grasbrook Hafenareal mit unseren Tools unterstützt.

 

City Science Lab
© Walter Schießwohl
Bürgerbeteiligung am Touchtable

Hamburg News: Wie sehen die digitalen Tools konkret aus?

Ziemer: Ein beliebtes Tool sind große Touchtables, auf denen wir Daten interaktiv ‚mappen‘, sie also auf Karten nach individuellen Wünschen darstellen können. Zudem bauen wir Web-Plattformen, Bürgerbeteiligungstools, Datenmanagementsysteme oder Augmented- beziehungsweise Virtual-Reality-Anwendungen.

Hamburg News: Daten sind Gold, unterliegen aber auch hohen Schutzrechten. Wie gehen Sie damit um?

Ziemer: Datenschutz kann mitunter kompliziert sein, das ist richtig. Für uns stellt er aber normalerweise kein Problem dar, da wir mit Open-Source-Programmen und offenen Daten der Stadt Hamburg arbeiten. Wir sind der Überzeugung, dass die Offenheit und Zugänglichkeit von urbanen Daten in modernen, digitalen und demokratischen Gesellschaften von zentraler Bedeutung sind. In Hamburg haben wir hier bereits einen sehr hohen Standard.

Hamburg News: Wieso, was ist das Besondere an Hamburg?

Ziemer: Die Stadt Hamburg verfügt über eine sehr gute öffentliche Daten-Infrastruktur – sowohl was die Erhebung angeht als auch die Verfügbarkeit. Die Erhebung findet unter anderem durch den Landesbetrieb für Geoinformation und Vermessung (LGV) statt, die die Stadt überfliegen lassen und Flächen- und Gebäudedaten sammeln. Aber auch der Verkehr, der Hamburger Hafen, die Bürger selbst und zunehmend auch mit Sensoren ausgestattete Gebäude (sogenannte Smart Houses) produzieren wertvolle Daten. Sie alle werden von der Stadt in einer urbanen Datenplattform gespeichert, die für alle öffentlich zugänglich ist. Möglich macht dies das Hamburger Transparenzgesetz – eine hanseatische Besonderheit. Die Frage ist also nicht, ob wir genug Daten haben, sondern wie wir sie einsetzen.

Hamburg News: Und hier kommen Sie ins Spiel …

Ziemer: Genau, im Science City Lab versuchen wir die Daten in Hinblick auf bestimmte gesellschaftspolitische Zwecke zu verknüpfen. Dabei arbeiten wir sehr nah an konkreten Anwendungsfällen. Dafür werden die Daten zunächst von unseren Datenanalysten ausgewertet. Danach werden sie modelliert und dargestellt: In sogenannten Data Stories, also datenbasierte Visualisierungen, die eine Geschichte erzählen. Das hilft enorm, um relevante Probleme zu verstehen und datenbasierte Entscheidungen zu fällen.

Hamburg News: Das Science City Lab ist eine wichtige Schnittstelle für viele Akteur*innen aus der Städteplanung. Gibt es auch längerfristige Kooperationen?

Ziemer: Wir kooperieren mit einer Bandbreite an Einrichtungen und auch mit Unternehmen. Mit Google arbeiten wir zum Beispiel gerade im Projekt „Air View“, bei dem wir Luftdaten für die Stadtplanung sammeln. Ein anderes Projekt ist unser „Connected Urban-Twin“: Ein digitales 3D-Modell von Hamburg, mit dem wir Entwicklungen im städtischen Raum abbilden und simulieren können, in Kooperation mit Leipzig und München. Hier werden wir auch mit verschiedenen Startups zusammenarbeiten, die sich unter anderem auf Virtual Reality spezialisiert haben und uns bei der Visualisierung helfen.

Prof. Dr. Gesa Ziemer
© Benno Tobler
Prof. Dr. Gesa Ziemer

Hamburg News: Geht es um Städte und Zukunft, ist häufig von der ‚Smart City‘ die Rede. Welche Trends halten Sie für Hamburg in den kommenden Jahren für wichtig?

Ziemer: Wir sprechen lieber von der Digitalen Stadt, anstatt von der Smart City, um zu betonen, dass unser Ansatz bürgerorientiert ist. Zukünftige Innovationen liegen nicht mehr so sehr in neuen Technologien, sondern darin, diese in Prozesse zu integrieren, die Sinn für die Menschen machen. Städte sind Big-Data-Produzenten. Es ist wichtig, dass wir lernen diese Daten so zu verknüpfen, dass sie Zusammenarbeit unterstützen. Wenn wir international auf Stadtentwicklung blicken, was ich vor allem in meiner Arbeit bei den Vereinten Nationen tue, sollten wir unbedingt im Auge behalten, dass alle Menschen Zugang zu Daten und sinnvollen Technologien haben. Soziale Ungleichheit entsteht auch, wenn nur die Privilegierten an der Digitalisierung teilhaben.

Hamburg News: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Ziemer.
fa/sb/kk