wir-liefern.org: virtuelle Fußgängerzone im Netz

Mehr Sichtbarkeit im Netz als Alternative zu den Online-Giganten
28. April 2021
Fußgängerzone Einzelhandel

Der stationäre Einzelhandel leidet erheblich unter den Corona bedingten Lockdowns. Hinzu kommt: Während größere Unternehmen längst E-Commerce für sich nutzen, haben viele kleinere Läden noch nicht einmal eine Online-Präsenz. „Die Hürde ist oft die Digitalisierung“, sagt Christian Hasselbring. Gemeinsam mit Mirjam Müller und Thomas Reichert hat er daher vor einem Jahr die Online-Plattform wir-liefern.org initiiert, um insbesondere den Händlern einen digitalen Zugang zu den Kunden zu ermöglichen und weiteres Ladensterben zu verhindern.

Kostenfreies virtuelles Schaufenster

Seit April 2020 können sich auf der Plattform in ganz Deutschland Händler registrieren. Bundesweit haben davon nach Angaben Hasselbrinks inzwischen bereits 1.500 Ladeninhaber*innen, Gastronom*innen und Dienstleister*innen, darunter 400 in Hamburg, Gebrauch gemacht. Kostenfrei können sie ihr Profil samt Foto auf der Webseite einstellen, sodass eine virtuelle Fußgängerzone entsteht.

„Wir wollen lokale Streifzüge und Shoppen vor Ort ermöglichen, um die Vielfalt zu erhalten“, erläutert Hasselbring. Verträge mit Paketdienstleistern gibt es nicht. Die Entscheidung, ob Abholung oder Versand angeboten wird, obliegt den Anbietern ebenso wie die Gestaltung ihrer Schaufenster im Netz. „Unsere Mindestanforderung ist eine E-Mail-Adresse“, so Hasselbring.

Wir-liefern
© wir-liefern.org
Christian Hasselbring und Mirjam Müller

Das Hamburger Sozialunternehmen Bridge & Tunnel, das seit fünf Jahren aus gebrauchten Jeans und Ausschussware Unikate herstellt, hat zwar bereits einen eigenen Webshop. „Wir-liefern.org ist trotzdem eine tolle Möglichkeit, gemeinsam mit anderen lokalen Akteuren aus unserer geliebten Stadt auf einer Plattform präsent zu sein und daran zu erinnern, welche unfassbare Vielfalt Hamburg bereithält“, betont Bridge & Tunnel-Mitgründerin Constanze Klotz. „Und das hoffentlich auch noch nach der Pandemie.“

Gemeinde auf der Plattform

Es geht sogar noch eine Stufe regionaler: Als bundesweit erste Gemeinde hat sich Rellingen in Schleswig-Holstein für eine eigene lokale Seite auf der Plattform entschieden. Unter einkaufen.rellingen.de finden sich derzeit bereits knapp 50 Einzelhändler, Gastronomen, Dienstleister und Handwerksbetriebe. Wer in Rellingen an Angeboten in der unmittelbaren Nachbarschaft interessiert ist, kann sich hier einen Überblick verschaffen  – unabhängig von etwaigen Coronamaßnahmen. In der Gemeinde hat das auch für weitere Ideen gesorgt: „Gemeinsam denken Verwaltung und Händler nun über den Kauf von Lieferfahrrädern nach“, berichtet Hasselbring.

Fördermittel für Weiterentwicklung

Geld verdienen die drei Gründer mit ihrer Plattform (noch) nicht. „Wir sind derzeit eine haftungsbeschränkte Unternehmergesellschaft und arbeiten ehrenamtlich neben unseren eigentlichen Berufen“, unterstreicht Hasselbring. „Fördergelder hätten wir gern, das hat aber bisher nicht geklappt, da wir kein Startup sind.“ Deshalb bemühen sich die Initiatoren nun um die Anerkennung als gemeinnütziges Unternehmen. „Das öffnet uns den Zugang zu Sponsoren aus der Hamburger Wirtschaft und Stiftungsgeldern und ermöglicht es, den Ausbau der Plattform weiter zu beschleunigen."  Auch Kooperationen seien durchaus denkbar. 
cb/kk

Wichtiges Ladengeschäft

Das klassische Geschäftsmodell des Einzelhandels steht unter Druck. Die Digitalisierung schreitet voran und immer mehr Händler setzen auf Multikanal-Strategien. Trotz der zunehmenden Bedeutung des Online-Handels ist das stationäre Ladengeschäft einer Studie zufolge jedoch nach wie vor der wichtigste Vertriebskanal des deutschen Einzelhandels: 49 Prozent der befragten Händler verkaufen ihre Produkte ausschließlich stationär. 37 Prozent sind sowohl stationär als auch online unterwegs und 14 Prozent sind als reine Online-Händler aktiv.

Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „Der deutsche Einzelhandel 2020“ des Forschungsinstituts ibi research an der Universität Regensburg, die zusammen mit dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und 46 Industrie- und Handelskammern durchgeführt wurde. Deutschlandweit wurden Einzelhändler aller Größenordnungen zum Einfluss der Digitalisie­rung befragt.