Wie Coworking Spaces sich nach der Pandemie neu erfinden

Third-Places – zwischen Homeoffice und Büro – könnten als Gewinner aus der Pandemie hervorgehen. Trend: Corporate Coworking
24. Juni 2021
Betahaus

Seit Coworking Spaces vor zwölf Jahren ihren Weg nach Deutschland fanden, sind sie als moderner Arbeitsort kaum noch wegzudenken. Allein in Hamburg gibt es heute über 100 Orte, an denen Coworking, also das gemeinsame Arbeiten, im Fokus steht. Längst ist aus dem Trend des Coworkings insbesondere für viele Selbstständige, Freelancer*innen und Startups eine Lebenseinstellung geworden. Das Teilen von Büros und Expertise kann für Ideen und Auflockerung des Arbeitsalltags sorgen. Je nach Coworking Space geht es um den Aufbau von Communities, das Veranstalten von Events und soziale Verantwortung. Hamburg News sprach mit drei Hamburger Coworking Spaces, die ungeachtet unterschiedlicher Konzepte eines gemeinsam haben: Trotz der Corona-Krise blicken sie positiv in die Zukunft. Besonders der Trend zum sogenannten Corporate Coworking zeichnet sich ab: Unternehmen könnten im Rahmen neuer Arbeitsmodelle ihren Mitarbeitenden künftig neben Homeoffice und Büro auch das Arbeiten in Coworking Spaces anbieten.

Unternehmen: Umdenken durch Corona

Durch die Pandemie habe in vielen Unternehmen ein grundlegendes Umdenken stattgefunden, sagt Elisabeth Lewandowski vom betahaus Hamburg. „Die Corona-Krise hat gezeigt, dass Homeoffice viel besser funktionieren kann als von den meisten erwartet. Die eigene Zeiteinteilung und die damit verbundene Flexibilität zwischen Job und Freizeit gefällt vielen Arbeitnehmer*innen sehr gut.“ Jedoch fehle beim Arbeiten von Zuhause oftmals der ideenbringende Austausch zwischen Kolleg*innen. Zudem sei für viele Menschen das Arbeiten aus dem Homeoffice nicht immer möglich. Coworking Spaces könnten eine Zwischenlösung für das hybride Arbeiten darstellen und die Lücke zwischen Büro und Homeoffice füllen, so Lewandowski. „Mitarbeiter*innen könnten dann beispielsweise zwei Tage im Homeoffice, zwei Tage im Coworking Space und einen festen Tag im Büro haben.“

betahaus
© Janine Meyer/betahaus
Treffen im betahaus-Café

betahaus: Community im Mittelpunkt

Das betahaus gilt als Trendsetter der deutschen Coworking-Branche, seitdem es 2009 in Berlin den ersten Coworking Space der Bundesrepublik eröffnete. Die Grundidee: Ein Coworking-Komplettpaket, bei dem sich Menschen weder um die Infrastruktur noch die Reinigung ihrer Arbeitsplätze kümmern müssen. In Hamburg betreibt das Unternehmen mit dem betahaus Schanze und dem finhaven HafenCity mittlerweile zwei Standorte.

„Uns liegt besonders der Community-Gedanke sehr am Herzen“, sagt Elisabeth Lewandowski. Die betahaus-Community profitiere von einer gewachsenen, diversen Schwarmintelligenz, in der niedrigschwellige Hilfe und Unterstützung selbstverständlich seien. „Unsere Mitglieder suchen bei uns genau diese Gemeinschaft.“

Beehive: Flexibles Coworking

Einen anderen Schwerpunkt setzt Beehive Coworking, das mit drei zentralen Standorten in der Hansestadt zu den größten Coworking-Anbietern zählt. Der Coworking Space punktet mit einem flexiblen Konzept, das auch spontane Kund*innen ansprechen soll. „Bei uns bucht man online und bekommt sofortigen Zugang zu unseren Coworking Spaces. Und das rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag“, erklärt Teresa Rosenblatt von Beehive.

„Außerdem haben wir keine Kündigungsfrist, man kann schon ab einem Tag buchen. Man muss sich also überhaupt nicht binden und kann auch mal ganz spontan für einen Tag im Coworking Space arbeiten.“ Auch Rosenblatt glaubt daran, dass Coworking Spaces ein Bestandteil der Arbeit der Zukunft sein könnten. „Coworking wird eine von mehreren Komponenten sein, neben zum Beispiel dem Unternehmensbüro oder dem Homeoffice.“

Beehive
© Beehive Coworking
Zentral gelegen: Beehive Coworking in der City
eeden
© Linda Brack/eeden
Veranstaltung im eeden

eeden: Feministischer Co-Creation-Space

Als vielversprechend sieht auch Jessica Louis die Zukunft des Coworkings an. Louis ist Mitgründerin des feministischen Co-Creation-Spaces eeden, der nur fünf Minuten vom befreundeten betahaus entfernt liegt. Die Idee für eeden kam den vier Gründerinnen – Jessica Louis, Nürsen Kaya, Kübra Gümüsay und Onejiru Arfmann –, nachdem Louis und Gümüsay im Verbund mit weiteren engagierten Frauen im März 2017 zunächst den Hamburger Frauenmarsch und später das erste feministische Barcamp Hamburgs im betahaus initiiert hatten. 

„Uns wurde die Notwendigkeit bewusst, der starken gemeinsamen Vision nach einer gerechten Zukunft für alle Menschen einen festen Ort zu geben“, erklärt Jessica Louis.

Das Anbieten von Arbeitsplätzen, Workshop-, Meeting- und Veranstaltungsräumen bilde im eeden dabei die Basis für die gesellschaftliche Wirkung, die die Mitglieder im Verbund entfalten wollen. „Wir wollen unseren Teil dazu beitragen, dass die Welt gerechter wird. In eeden kommen ganz unterschiedliche Menschen zusammen, um Gesellschaft auf den verschiedenen Ebenen neu zu denken und zu gestalten. Nicht nur für Frauen, sondern für alle Menschen.“

Für die dafür notwendige Atmosphäre sorge unter anderem das außergewöhnliche Design der Innenräume eedens. „Beim Betreten von eeden fällt häufig als erstes ein ‚Wow, ist das schön hier!‘ “ berichtet Designerin Louis. Jede*r solle sich im eeden geborgen und inspiriert fühlen. „Räume haben einen starken Einfluss darauf, wie Menschen miteinander in Kontakt treten, sich zueinander verhalten. Die Räume bieten die Bühne für berührende Begegnungen und das Entstehen gesellschaftlich relevanter Projekte und Initiativen. Hier entstehen Innovationen für ein lebenswertes Morgen.“ Coworking Spaces, die spezielle Themen verfolgen, hätten künftig gute Chancen, weiter zu wachsen, so Louis.

Eeden
© Céline Kramer/eeden
Innenräume des eeden
betahaus
© Janine Meyer/betahaus
Coworking in der Pandemie

Coworking Spaces leiden unter Corona-Krise

Doch auch wenn die Zukunft vieler Coworking Spaces rosig aussehen könnte, hat die Pandemie sie teils hart getroffen. „Wir generieren etwa die Hälfte unseres Umsatzes mit Veranstaltungen. Und das Geld ist durch Corona natürlich komplett weg“, so Elisabeth Lewandowski. Wir hatten das Glück, auf staatliche Hilfen zurückzugreifen und auch alle Mitarbeiter*innen in die Kurzarbeit schicken zu können.“

Um die Einhaltung der Abstandsregelungen sicherstellen zu können, habe man zudem das erste Mal in der betahaus-Geschichte einen Mitgliederstopp einrichten müssen, obwohl die Nachfrage im Vergleich zu der Zeit vor der Pandemie eher gestiegen sei.

Auch das eeden, dessen Eröffnung in den Beginn der Pandemie fiel, wurde von der Corona-Krise getroffen. „Schauen wir in der aktuellen Situation wirtschaftlich auf eeden, dann mag es weniger idealistischen Menschen schon etwas verrückt erscheinen, den Ort zu halten“, so Jessica Louis.

Dennoch gebe es genügend gute Gründe, auch in und nach der Pandemie am Ball zu bleiben. „Wir vier Gründerinnen haben all unsere Wünsche und Träume in das eeden gelegt. Gerade auf der gesellschaftlichen Ebene ist uns sehr bewusst, dass wir solche Orte brauchen“, so Jessica Louis.

Gehört die Zukunft dem Coworking?

Viele Hamburger Coworking Spaces  darunter auch das betahaus, eeden und Beehive  haben die Corona-Monate dazu genutzt, ihre Räume und Angebote zu erweitern. „Wir glauben daran, dass der Coworking-Markt durch die Krise und die Veränderung wachsen kann“, sagt Elisabeth Lewandowski. Teresa Rosenblatt berichtet, dass bereits jetzt viele Unternehmen Interesse daran zeigen würden, ihren Mitarbeitenden das Arbeiten in Coworking Spaces als zusätzliche Option zu ermöglichen. „Deshalb hat Beehive ein Angebot eingeführt, das es Unternehmen ermöglicht, Corporate Coworking für Arbeitnehmer*innen anzubieten und komplett online zu managen.“ Nun gelte es, sich den Veränderungen in der Arbeitswelt weiter anzupassen. Die Weichen für die Zukunft des Coworkings scheinen in jedem Fall gestellt.
tn/kk

Betahaus Schanze
© Janine Meyer/betahaus
Neue Räume im betahaus