Wie in der Metropolregion Hamburg zu Tuberkulose geforscht wird

Jährlich erkranken rund 10 Mio. Menschen weltweit an TBC. Das Forschungszentrum Borstel in Schleswig-Holstein erforscht Ursache und Diagnostik
04. Juli 2022
Visualisation of new National Reference Centre

Violetta fiel ihr in La Traviata zum Opfer, ebenso Mimi in La Bohème. Im realen Leben starben beispielsweise Frédéric Chopin oder George Orwell an Tuberkulose (TBC), früher bekannt als Schwindsucht. Tatsächlich galten Infektionskrankheiten im 19. Jahrhundert als Haupttodesursache weltweit. Und noch heute infizieren sich jährlich etwa 10 Millionen Menschen mit TBC, mehr als 1,5 Millionen Menschen sterben an dieser bakteriell verursachten Krankheit. Bezogen auf infektionsbedingte Todesursachen hat erst Covid-19 Tuberkulose auf Platz 2 verweisen können. „Es ist also auch heute noch eine reale Gefahr“, bestätigt Professor Florian Maurer. „Doch dank großer Fortschritte in der öffentlichen Hygiene beobachten wir eine rückläufige Tendenz in Deutschland“, weiß der Leiter des Nationalen Referenzzentrums (NRZ) für Mykobakterien am Forschungszentrum Borstel in Schleswig-Holstein, nördlich von Hamburg.

Neue Laborgebäude für 70 Mio. Euro

Das Forschungszentrum Borstel ist das Lungen-Forschungszentrum der Leibniz-Gemeinschaft mit einer langen Tradition in der Erforschung und Diagnostik von Tuberkulose, aber auch zivilisationsassoziierter Erkrankungen wie Asthma und COPD (chronisch obstruktive Lungenerkrankung). „Es gibt in Deutschland ein Netzwerk aus Referenzzentren, die sich auf Erkrankungen konzentrieren, die für den öffentlichen Gesundheitsschutz wichtig sind“, erklärt Maurer. Bestellt durch das Bundesministerium für Gesundheit und das Robert-Koch-Institut, fungiert das NRZ als nationales und supranationales Referenzlabor der Weltgesundheitsorganisation zur TBC-Diagnostik, sowie der Entwicklung, Verbesserung und Bewertung neuer Diagnosetechniken. Um ihre Aufgaben bestmöglichst erfüllen zu können, haben Bund und Land den Neubau von zwei hochmodernen Laborgebäuden für das Forschungszentrum Borstel mit rund 70 Millionen Euro gefördert: Ein neues Respiratorium und ein neues Gebäude, in dem die 20 NRZ-Mitarbeiter:innen optimale Bedingungen für ihr Forschungen finden.

Professor Florian Maurer Pukal
© Forschungszentrum Borstel/Pukall
Prof. Florian Maurer, Leiter des Nationalen Referenzzentrums (NRZ) für Mykobakterien am Forschungszentrum Borstel
Image of tuberculosis pathogens under a scanning electron microscope
© Forschungszentrum Borstel/Homolka
Aufnahme von den Tuberkuloseerregen unter dem Rasterelektronenmikroskop

Erreger kennen keine Grenzen

„Wir arbeiten routinemäßig an hochresistenten oder potentiell nicht behandelbaren Erregern und benötigen entsprechende Sicherheitsvorkehrungen.“ Das neue Labor wurde nach den Normen der zweithöchsten biologischen Sicherheitsstufe S3 gebaut. Zum Vergleich: Das Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, wo hochpathogene Viren wie Ebola zu Forschungszwecken gezüchtet werden, arbeitet nach S4. Doch sind angesichts rückläufiger TBC-Infektionen in Deutschland neue Labore eigentlich notwendig? „Unbedingt“, betont Professor Maurer. Schließlich leiden Menschen in Ländern wie Indien, China, Nigeria oder Südafrika noch massiv unter der Infektionskrankheit – Und Erreger kennen keine Grenzen. „In Kriegszeiten findet TBC beispielsweise hervorragende Bedingungen. Im Grunde immer, wenn Menschen gezwungen sind, in großer räumlicher Enge zusammenzuleben. Das betrifft also etwa Flüchtlingscamps, aber auch afrikanische Townships oder Gefängnisse in Osteuropa.“

Medikamenten-Resistenz nimmt zu

Umso wichtiger sei es, wachsam zu bleiben. Zumal TBC über die Luft übertragen wird, die Ansteckungsgefahr somit relativ groß ist. „Das gilt vor allem für die sogenannte ‚offene TBC‘, der Erkrankte hustet und der Erreger fliegt einem anderen Menschen in die Lunge“, so Maurer, der aber auch betont: „Es kommt nicht bei jedem Kontakt zu einer Infektion und nicht jede Infektion nimmt Dimensionen an, wie sie Thomas Mann in seinem Zauberberg verewigte.“ Doch da weltweit immer mehr Tuberkulose-Bakterien resistent gegen die wichtigen Medikamente werden, bestehe weiterhin Forschungsbedarf. Auch im Feld der ‚latenten TBC‘, betont der Professor. „Bei einer latenten TBC versteckt sich die Infektion in einer Nische des Körpers, ohne, dass Symptome auftreten. Was wir nun erforschen, sind die Risiken einer Reaktivierung. Etwa bei Patienten, die immunsuppressive Medikamente, wie etwa Kortison, nehmen müssen.“ Zudem greife die Krankheit keineswegs nur die Lunge an. „TBC kann alles: Es ist als Lungenkrankheit bekannt, kann aber auch zu Knocheninfektionen, Hirnhautentzündungen oder einer Infektion des Bauchraums führen.“ Im Rahmen der feierlichen Eröffnung des neuen NRZ-Gebäudes Mitte Juni gab es denn auch ein Fachsymposium mit Experten aus aller Welt zur Zukunft der TBC-Vorsorge.
ys/sb

Forschungszentrum Borstel

Das Forschungsinstitut Borstel gilt als international renommierte Forschungseinrichtung. 1947 als Tuberkulose-Forschungsinstitut Borstel gegründet, gehört das Zentrum seit 2003 zur Leibniz-Gemeinschaft – einem Zusammenschluss von 97 außeruniversitären Forschungseinrichtungen, die von überregionaler Bedeutung und gesamtstaatlichem wissenschaftspolitischem Interesse sind und daher von Bund, Sitzland und Ländergemeinschaft gefördert werden.

Die zentrale Aufgabe des Forschungsinstituts Borstel ist die grundlagenorientierte und klinische Forschung in der Pneumologie. Im Jahr 2020 erhielt das Zentrum einen Grundetat von 22,26 Millionen Euro. Dazu kamen 10,6 Millionen Euro wissenschaftliche Drittmittel und 1,3 Millionen Euro aus eigenen Leistungen. Die Finanzierung des Grundetats erfolgt zu gleichen Teilen über das Bundesministerium für Gesundheit und das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Schleswig-Holstein sowie über die Ländergemeinschaft.